Pädagogische Anmerkungen
zum Lernprogramm "Lettris"
Das Computerprogramm
"Lettris" wurde vom Pädagogischen Zentrum für Teilleistungsstörungen
Hechingen in Zusammenarbeit mit mn-software entwickelt und getestet.
Problematik der Teilleistungsstörungen
beim Lesen und Schreiben
Kinder mit Lese- und
Rechtschreibproblemen haben oft im Vergleich mit dem Durchschnitt ihrer
Altersklasse einen geringeren Wortschatz. Die Wiedererkennung von gelesenen
Wörtern gelingt nicht im geforderten Tempo, was sich negativ auf den
Sinnzusammenhang des gelesenen Textes auswirkt. Die gedankliche Flexibilität
in der Ebene ist zu gering, Buchstaben werden in ihrer Lage nicht richtig
beurteilt. Das trifft besonders für die Buchstaben b, d und p, q zu,
die häufig nicht differenziert werden können.
Störend wirkt
sich oft auch zusätzlich eine mangelnde Entscheidungsfähigkeit
aus, die unter Zeitdruck verstärkt auftreten kann. Die Kinder sind
unsicher, wenn es darum geht, die richtigen Buchstaben für ein zu
schreibendes Wort auszuwählen.
Besonders schwierig
erweist sich eine Therapie der Teilleistungsstörung, wenn zu den oben
genannten Problemen noch eine Verzögerung im optischen Wahrnehmen
und Reagieren vorliegt.
Das Lernprogramm
"LETTRIS" ist mit dem Ziel entwickelt worden, diese Schwächen durch
spielerisches Üben und Trainieren zu verbessern.
Das Prinzip des Lernspiels
Das Grundprinzip des
Lernspiels ist ähnlich dem bekannten Computerspiel "TETRIS". Vom oberen
Rand des Computerbildschirmes fallen Buchstaben (in beliebiger Lage und
Reihenfolge) herunter und müssen durch Drehen und Spiegeln am unteren
Rand zu einem Wort zusammengesetzt werden. Das Wort erscheint vorher in
einer definierten Zeit auf dem Bildschirm oder ist ( in der Übungsstufe)
am rechten oberen Rand permanent zu sehen. Das richtige Zusammensetzen
des Wortes wird mit Punkten entsprechend der Schwierigkeit des Wortes und
der Spielstufe belohnt. Bei einem Fehler muß das Wort noch einmal
gebildet werden, wobei dann entsprechend der Spielstufe auch Hindernisse
(eine Mauer, die nach oben wächst) auftauchen können.
Während die
Buchstaben herunterfallen, ist das Kind immer wieder damit beschäftigt,
sich das Wort buchstabierend vorzusagen und im Gedächtnis zu behalten,
um die richtige Position des Buchstabens zu ermitteln. Die Spielstufen
sind (oder werden vom Therapeuten) so gestaltet, daß sowohl Tempo
als auch Schwierigkeit (gedrehte, gespiegelte und falsche Buchstaben) im
Verlauf des Spieles steigt.
Falsche Buchstaben
werden, sobald sie erkannt sind, vom Schüler mit einem Tastendruck
zur Explosion gebracht, was die Spielfreude bei den meisten erhöht.
Das Gesamtergebnis
der erreichten Punkte wird in einer Highscore abgespeichert und kann vom
Mentor eingesehen werden.
Training mit dem Lernprogramm
Das Spiel ist leicht
zu bedienen und wird in der Regel sofort vom Kind begriffen. Für Kinder,
die noch wenig Erfahrung mit einem Computer haben, ist eine DEMO(nstration),
eine Übungsstufe und ein Hilfetext aufrufbar. Die Schwierigkeitsgrade
sind individuell anpassbar, so daß eine Überforderung und der
damit verbundene Frust nicht auftreten können.
Der Computer ist
geduldig und reagiert unpersönlich; Erwartungsängste können
nicht auftreten. Wenn ein Ziel (eine bestimmte Punktzahl) gestellt wurde,
so kann so lange trainiert werden, bis es erreicht wird.
Der Therapeut ist
entlastet, kann aber dem Kind ein Feedback geben indem er es bestärkt
und für Erfolge lobt. In besonderen Fällen kann er auch helfend
eingreifen, was vom Kind dann auch entsprechend anerkannt und registriert
wird.
Gestalterische
Elemente:
Die Töne können an und abgestellt werden. Die Farben
lassen sich alle individuell einstellen. Damit können bewußt
Farben und Kontraste entsprechend der farbpsychologischen Wirkungen zur
Reizreduktion oder zur Anregung eingesetzt werden.
Kinder mit graphomotorischen
Problemen sind bei diesem Lernspiel nicht benachteiligt und können
so ohne ihre spezielle Belastung üben.
Für das Spiel
gibt es verschiedene Wörterdateien:
Grundwortschatz der
Klassen 1 bis 4
spezielle Wörter
mit "ei" , "ie", "b" und "d"
Harte und weiche Anlaute
Dehnungen und Schärfungen
Grundwortschatz Englisch
5. Klasse
Daneben können
individuell für den Schüler Wörterdateien erstellt werden.
Das hat sich besonders bei solchen Wörtern und Wortgruppen bewährt,
die der Schüler oft falsch schreibt. Eine so gestaltete Wortdatei
eignet sich sehr gut als Hausaufgabe, da das Ergebnis dann auf der mitgebrachten
Diskette vom Therapeuten abgelesen werden kann. Die Hausaufgabe besteht
dann einfach in der Formulierung: "Versuche doch einmal bis zur nächsten
Stunde, mehr als 1000 Punkte zu erreichen!"
Therapeutische Wirkungen
Das Lernspiel trägt
starken Spielcharakter und umgeht damit Abneigungen, Hemmungen und Lernblockaden
beim Lesen- und Schreibenlernen.
Das Selbstwertgefühl
steigt, da eine Verbesserung durch viele Fähigkeiten (u. a. Merkfähigkeit,
Reaktionsvermögen, visuelles Wahrnehmungstempo, Wortschatzerweiterung,
Leseflüssigkeit) erreichbar ist. Ein Lernerfolg kann immer erzielt
werden, da schon die Verbesserung einer der Fähigkeiten dafür
ausreicht. Das weckt den Ehrgeiz des Kindes, immer besser zu werden.
Durch die Möglichkeit,
die Buchstaben gespiegelt und gedreht herunterfallen zu lassen, wird die
Erkennung der richtigen Lage eines Buchstabens ( b oder d ) und die (visuo)motorische
Geschicklichkeit sehr effektiv trainiert. Verbesserungen sind spielerisch
in kurzer Zeit zu erreichen.
Das optische Wahrnehmungstempo
wird durch das von Stufe zu Stufe steigende Tempo im Zusammensetzen der
Wörter verbessert. Die Wörter werden zufällig aus den Wörterlisten
ausgewählt und können in den schnelleren Stufen erneut auftauchen,
was den Wiedererkennungsvorgang aktiviert und für den Schüler
dann eine zeitweilige Spielerleichterung bedeutet.
Die Buchstaben fallen
nicht (außer es wird so eingestellt) in der Reihenfolge des Wortes,
sondern werden zufällig ausgewählt. Das Kind muß deshalb
das Wort immer wieder buchstabieren, um den fallenden Buchstaben zu plazieren.
Das fördert die Aneignung des buchstabierenden und genauen Lesens.
Das oft beobachtete (falsche!) Erraten der Wörter bei Kindern mit
Leseproblemen führt bei diesem Spiel nicht zum Ziel. Wenige, schnell
erlernbare Tasten genügen, um ein Wort richtig zu schreiben. Es wird
nicht die Fähigkeit, die Tastatur zu beherrschen, gefordert. Damit
ist dieses Spiel auch für Anfänger gut geeignet. Ein Vorteil
dieses Spieles gegenüber anderen (z. B. Diktatspielen ) ist es, dass
auf einer anderen Ebene gelernt wird und somit Lernblockaden für bestimmte
schulische Übungen umgangen werden.
Dr. M. Nitsche